Im Rahmen eines Erasmus+-Programms durfte ich in diesem Jahr an zwei beeindruckenden Studienreisen teilnehmen – zunächst im Frühjahr in die französische Partnerstadt Erlangens nach Rennes und nun im Herbst nach Brünn in Tschechien, die wiederum Partnerstadt von Rennes ist.
Was beide Städte miteinander verbindet, ist ein klares Ziel: mehr Natur in die frühkindliche Bildung zu bringen – strukturell, konzeptionell und langfristig. Dabei zeigt sich, dass dieser Prozess kein einseitiges Lernen ist, sondern ein Dreiklang entsteht: Erlangen, Rennes und Brünn agieren als gleichwertige Partner, die voneinander lernen und Impulse austauschen.
Rennes: Naturpädagogik als kommunale Aufgabe
Die Stadt Rennes hat sich vorgenommen, Naturerfahrung in Krippen und Kindergärten künftig als festen Bestandteil der Bildungsarbeit zu verankern. Dabei geht es nicht um punktuelle Aktionen, sondern um eine systematische Integration von Naturraumpädagogik in das städtische Betreuungssystem.
Die französische Delegation – bestehend aus VertreterInnen der Stadtverwaltung, Fachkräften und Trägervertreterinnen – hatte zuvor mehrere Tage in Erlangen verbracht. Dort besuchten sie unter anderem die Waldkindergärten und die Waldkrippe der Mooswichtel und der Waldkindergarten Pfifferlinge, die Jugendfarm, sowie eine städtische Einrichtung. Im theoretischen Teil wurden das Kindergarten- und Krippensystem vorgestellt, inklusive konzeptioneller Schwerpunkte, pädagogischer Strukturen und Organisationslogiken. Erlangen fungierte damit als erstes „Standbein“ im trilateralen Austausch, auf dem die Partner ihre weiteren Eindrücke in Rennes aufbauen konnten.
Diese Eindrücke flossen in das mehrtägige Programm in Rennes ein, das Einblicke in kommunale Strukturen, Förderlogiken und pädagogische Konzepte gewährte. Die Stadt verfolgt eine umfassende Strategie der „ökologischen Wende“ in ihren Kindereinrichtungen, mit Fokus auf den Krippenbereich. Dazu gehören:
Besonders beeindruckend war, wie stark frühkindliche Bildung in Rennes als öffentliche Verantwortung verstanden wird. Krippen, Kindergärten und Grundschulen sind häufig in gemeinsamen Gebäudekomplexen organisiert – ein Konzept, das Übergänge erleichtert und multiprofessionelle Zusammenarbeit selbstverständlich macht.
Auch das Thema Inklusion wird strukturell gedacht: In jeder Einrichtung arbeiten Fachkräfte eng mit medizinischem Personal (z.B. Ärzten und Krankenpflegern) zusammen, um Kinder mit besonderen Bedarfen individuell zu begleiten.
Ein weiterer zentraler Bestandteil der Qualitätsentwicklung in Rennes ist ein projektbasiertes, videounterstütztes Reflexionssystem. Die Einrichtungen teilen sich gezielt thematische Projekte in ihren Einrichtungen auf – etwa zu Naturerfahrungen, ökologischer Gestaltung oder Bewegungsförderung.
Die pädagogischen Fachkräfte filmen dabei einzelne alltägliche Situationen, z. B. das Spiel der Kinder im Freien, ihre Reaktionen auf Naturmaterialien oder die Interaktionen mit den PädagogInnen. Diese Videos werden anschließend gemeinsam analysiert: Verschiedene Fachpersonen betrachten gezielt unterschiedliche Teilnehmer und Perspektiven und teilen ihre Beobachtungen.
Einmal im Monat treffen sich alle beteiligten Einrichtungen, um ihre Erkenntnisse zu diskutieren, Ergebnisse zu reflektieren und das weitere Vorgehen abzustimmen.
So entsteht ein kontinuierlicher Qualitätskreislauf, in dem pädagogische Praxis datenbasiert reflektiert und unmittelbar weiterentwickelt wird.
Dieses Verfahren ermöglicht es der Stadt Rennes, innovative Ansätze zügig zu erproben, ihre Wirkung zu evaluieren und die Qualität der Bildungsarbeit über alle Einrichtungen hinweg sichtbar und vergleichbar zu machen.
Für Träger und Fachkräfte in Deutschland ist dieses Modell hochinteressant, weil es zeigt, wie systematische Reflexionsprozesse mit einfachen Mitteln (bspw. Austausch, kollegiale Analyse) die Qualität und Wirksamkeit pädagogischer Konzepte deutlich erhöhen können – ohne zusätzlichen Verwaltungsaufwand, sondern durch kollektive Verantwortung.
Brünn: gelebte Naturpädagogik mit Herz und Struktur
Der zweite Besuch führte nach Brünn – eine Stadt, die in puncto Naturpädagogik bereits deutlich weiter ist.
Hier gibt es nicht nur einzelne Waldkindergärten, sondern ein landesweit vernetztes System mit rund 200 Einrichtungen, von denen etwa 60 bereits vom tschechischen Verband zertifiziert sind.
Was sofort auffällt: Natur ist hier kein Zusatzangebot, sondern gelebter Alltag.
Ob Krippe, Kindergarten oder Schule – überall finden sich großzügige, naturnahe Außenräume, Weidentunnel, Baumstämme, Hochbeete und Barfußpfade. Selbst innerstädtische Einrichtungen verfügen in der Regel über grüne Höfe oder weichen auf öffentliche Parks aus.
Die besuchten Waldkindergärten arbeiten in kleinen, stabilen Teams, meist mit einer Fachkraft und einer Assistenz, die sich tageweise abwechseln. Die Atmosphäre ist ruhig, wertschätzend und von einer starken pädagogischen Haltung geprägt: Ehrlichkeit, Selbstständigkeit und Verantwortung sind zentrale Werte, die in Geschichten und Ritualen des Alltags verankert sind.
Bemerkenswert ist auch die Durchlässigkeit zwischen Kindergarten und Schule:
In Brünn entstehen derzeit „Waldschulen“ in Jurten, die eine Verbindung zwischen Naturraum, Reformpädagogik und formaler Bildung schaffen. Lernprozesse sind projektorientiert, fächerübergreifend und von Montessori- sowie Waldorf-Elementen inspiriert.
Fachaufsicht als Brückenbauerin – Impulse für die Praxis in Deutschland
Besonders wertvoll war, dass bei der Reise nach Brünn, neben VertreterInnen städtischer Einrichtungen und Waldkindergärten in Erlangen – Mooswichtel, Pfifferlinge und Laubfrösche – diesmal auch eine Vertreterin der Fachaufsicht aus Erlangen teilnahm.
Dieser Perspektivwechsel – die unmittelbare Erfahrung von Naturpädagogik im internationalen Vergleich – wurde von beiden Seiten als hoch inspirierend und richtungsweisend empfunden.
Im Gespräch wurde deutlich, dass Naturerfahrung künftig auch in städtischen Einrichtungen stärker als Qualitätsmerkmal wahrgenommen werden sollte. Die Fachaufsicht zeigte sich beeindruckt, wie selbstverständlich tägliche Naturkontakte in allen tschechischen Einrichtungen verankert sind – unabhängig von Wetter, Jahreszeit oder organisatorischen Hürden.
Die Reise hat entscheidend dazu beigetragen, dass dieses Thema nun auch in Erlangen sichtbarer und relevanter wird: Trotz der Vielzahl an Aufgaben und administrativen Herausforderungen rückt die Frage, wie Naturerfahrung systematisch in den Alltag der Kinder integriert werden kann, stärker in den Fokus.
Es wurde angeregt, künftig gezielt Impulse an die städtischen Einrichtungen zu geben, um regelmäßige Aufenthalte im Freien verbindlich zu verankern – begleitet von Aufklärung über die Bedeutung der Naturerfahrungeb für die kindliche Entwicklung.
Wir als Landesverband Wald- und Naturkindergärten in Bayern stehen hierbei als Ansprechpartner, Multiplikator und fachlicher Sparringspartner bereit.
Zwischen Rennes und Brünn: ein europäischer Dialog
Der trilaterale Austausch zwischen Rennes, Erlangen und Brünn zeigt exemplarisch, wie europäische Zusammenarbeit in der frühen Bildung konkret aussehen kann: voneinander lernen, Strukturen vergleichen, gute Praxis sichtbar machen.
Für uns als Landesverband ist dieser Prozess hochrelevant. Er verdeutlicht, dass Naturraumpädagogik nicht nur ein pädagogisches Konzept, sondern ein gesellschaftlicher Auftrag ist – mit Auswirkungen auf Stadtplanung, Gesundheit, Nachhaltigkeit und soziale Teilhabe.
Darüber hinaus entstehen durch solche Programme wertvolle Netzwerke: Fachaufsichten, Träger und pädagogische Teams kommen miteinander ins Gespräch, tauschen Personal für Hospitationen aus oder entwickeln gemeinsame Projekte. Dieser kollegiale Austausch auf Augenhöhe ist der Nährboden für Innovation und Weiterentwicklung – auch über nationale Grenzen hinweg.
Ausblick und Impuls
Ich habe viele Ideen und Praxisbeispiele aus beiden Ländern mitgebracht, die wir künftig in unseren Newslettern und Angeboten aufgreifen werden – als konkrete Impulse für Träger, Fachkräfte und Entscheidungsträger im pädagogischen Bereich.
Mein persönliches Fazit:
Neugier, Austausch und das Über-den-Tellerrand-Schauen sind zentrale Erfolgsfaktoren für Qualität in der frühen Bildung.
Deshalb mein Appell an unsere Mitglieder: Bleiben Sie im Gespräch – mit KollegInnen, Fachaufsichten, Kommunen und Partnern.
Jede Begegnung kann ein Türöffner sein – für neue Ideen, für Sichtbarkeit und für eine Bildungslandschaft, in der Natur selbstverständlich dazugehört.
Liebe Grüße,
Michelle